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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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und eine Musik zu beurtheilen sey.

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  hero durch die gute Singart eines bessern überzeuget worden, wieder ver-
lassen. Wie aber nur selten eine Copey dem Urbilde ganz ähnlich wird;
man aber oftmals in dem Scholaren den Meister zu hören glaubet, und
jenen auf dieses seine Unkosten zu schätzen pfleget: so kann es gar wohl
seyn, daß einige von dieses berühmten Violinisten seinen Scholaren,
deren er seit geraumer Zeit eine ziemliche Anzahl gezogen, ein Vieles zu
seinem Nachtheile beygetragen haben. Sie haben vielleicht, entweder
seine Art zu spielen nicht recht begriffen; oder sie sind durch die Verschie-
denheit der Gemüthsart verleitet worden, dieselbe noch bizarrer zu ma-
chen, und also denen, die wieder von ihnen gelernet haben, in einer viel
verschlimmerten Gestalt beyzubringen. Folglich ist wohl zu glauben, daß
er selbst Vieles, an Unterschiedenen, die sich rühmen in seinem Geschma-
cke zu spielen, nicht gut heißen würde.
Es ist deswegen einem jeden jungen Musikus anzurathen, nicht eher nach Italien
zu gehen, als bis er das Gute vom Bösen in der Musik zu unterscheiden weis:
denn wer nicht von musikalischer Wissenschaft etwas mit hinein bringt; der bringt
auch, zumal itziger Zeit, schwerlich was mit heraus. Ein angehender Musikus
muß ferner, in Italien, immer mehr von Sängern, als von Instrumentisten, zu
profitiren suchen. Wen aber nicht etwan das Vorurtheil verleitet, der findet
nunmehro das, was er sonst in Italien und in Frankreich sich hätte zu Nutzen
machen können, in Deutschland.

60. §.

  Ich habe die vorhin erwähnten beyden berühmten, und, in mehr
als einer Betrachtung, brafen Männer nicht angeführet, um ihre Ver-
dienste zu schätzen, oder das, was sie wirklich Gutes haben, zu verklei-
nern. Ich habe es nur gethan, um einiger maßen den Ursprung zu ent-
decken, woher es gekommen ist, daß die heutigen welschen Instrumenti-
sten, besonders aber die Violinisten, mehrentheils einen besondern, der
guten Singart so sehr entgegen stehenden Geschmack angenommen haben:
da doch der wahre und gute Geschmack allgemein seyn sollte. Einigen un-
ter ihnen fehlet es zwar weder an der Erkenntniß, noch an der Empfin-
dung dessen, was zum guten Singen gehöret: dennoch suchen sie solches
auf ihren Instrumenten nicht nachzuahmen: sondern, was sie bey den
Sängern für was Vortreffliches halten, das finden sie auf dem Instru-
mente zu schlecht, und zu gering. Sie loben den Sänger, wenn er deut-
lich und ausdrückend singt; sie hingegen finden es für gut, wenn sie auf
dem Instrumente dunkel und ohne Ausdruck spielen. Sie billigen an dem
Sänger einen modesten und schmeichelnden Vortrag; der ihrige hingegen
ist

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