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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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Das XVIII. Hauptstück. Wie ein Musikus

  ist wild und frech. Machet der Sänger, im Adagio, nicht mehr Aus-
zierungen, als es die Sache leidet; so sagen sie, er singe meisterhaft: sie
hingegen überhäufen das Adagio mit so vielen Manieren und wilden
Läufen, daß man es eher für ein scherzhaftes Allegro halten sollte, und
die Eigenschaften des Adagio fast gar nicht mehr daran wahrnehmen
kann.

61. §.

  Man findet auch, daß die itzigen italiänischen Violinisten fast alle
in einerley Geschmacke spielen: wodurch sie sich aber von ihren Vorfah-
ren nicht auf die beste Art unterscheiden. Der Bogenstrich, welcher auf
diesem Instrumente, wie der Zungenstoß auf Blasinstrumenten, die Leb-
haftigkeit der musikalischen Aussprache wirken muß, dienet ihnen öfters
nur, wie der Blasebalk bey einer Sackpfeife, das Instrument auf eine
leyernde Art klingend zu machen. Sie suchen die größte Schönheit da,
wo sie nicht zu finden ist, nämlich in der äußersten Höhe, am Ende des
Griffbretes; sie klettern darauf immer in der Höhe, wie die Mondsüchti-
gen auf den Dächern herum, und verabsäumen darüber das wahre Schö-
ne, das ist, sie berauben das Instrument mehrentheils seiner Gravität
und Anmuth, welche die dicken Seyten zu wirken fähig sind. Das Ada-
gio spielen sie zu frech, und das Allegro zu schläfrig. Sie halten es im
Allegro für was besonders, eine Menge Noten in einem Bogenstriche her-
zusägen. Die Triller schlagen sie entweder zu geschwind und zitternd,
oder wohl gar in der Terze; welches sie doch bey den Sängern für einen
Fehler halten. Mit einem Worte, ihr Vortrag und ihre Art zu spielen
ist so beschaffen, daß es klingt, als wollte ein geschikter Violinist, einen
ganz altväterischen, auf eine lächerliche Art, vorstellen. Diejenigen Zu-
hörer, welche von gutem Geschmacke sind, müssen deswegen öfters alle
Mühe anwenden, um das Lachen zu verbergen. Wenn dergleichen neu-
modische italiänische Violinisten also, in einem Orchester, als Ripienisten
gebrauchet werden sollen; so verderben sie gemeiniglich mehr, als sie Gu-
tes stiften.
Man könnte deswegen gewisse berühmte Orchester, deren Mitglieder mit Italiänern
vermischet sind, zum Beyspiele anführen. Man kann in denselben bemerken,
daß wenn etwan eine, bey ihnen sonst ungewohnte, Unordnung, oder ungleicher Vor-
trag verspüret wird, solches mehrentheils von einem ohne Augen und Ohren spie-
lenden Italiäner herrühre. Sollte nun allenfalls ein gutes Orchester das Un-
glück treffen, durch einen solchen Italiäner, wie ich ihn hier beschrieben habe, an-
geführet zu werden: so hätte man wohl nichts gewissers zu gewarten, als daß
dassel-

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