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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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und eine Musik zu beurtheilen sey.

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  Arie mit Action, welche auf dem Theater einen besondern Eindruck ge-
machet hat, wird in der Kammer bey Weitem nicht so gefallen, als auf
dem Theater: denn hier mangelt eines der wesentlichen Stücke derselben,
nämlich die Action, und die damit verbundenen Ursachen derselben: es
wäre denn, daß man durch Erinnerung dieser Dinge, sich noch eine leb-
hafte Vorstellung davon zu machen wüßte. Eine andere Arie hingegen,
deren Worte eben nichts besonders ausdrücken, die aber doch einen ge-
fälligen, und für den Sänger vortheilhaften Gesang in sich hat, auch
von demselben auf eine gute Art vorgetragen wird, ist vermögend, die
vorerwähnte Arie, in der Kammer, zu unterdrücken, und bey den Zu-
hörern einen Vorzug zu erhalten. Hierbey kann man nun wohl sagen,
daß die letztere mehr als die erstere gefalle; nicht aber daß sie deswegen
besser sey. Denn bey den Arien muß man nicht sowohl auf den Gesang
allein, als vielmehr auch auf die Worte, und derselben Ausdruck sehen.
Eine Arie mit starker Action muß über dieses mehr sprechend als singend
seyn, und erfodert folglich einen guten Sänger der zugleich ein guter
Acteur ist; wie nicht weniger auch einen erfahrenen Componisten.

27. §.

  Wird aber eine Serenate oder Cantate ausdrücklich für die
Kammer gesetzet: so pfleget dieser Kammerstyl so wohl vom Kirchen- als
vom Theatralstyle unterschieden zu werden. Der Unterschied besteht dar-
inne, daß der Kammerstyl mehr Lebhaftigkeit und Freyheit der Gedan-
ken erfodert, als der Kirchenstyl; und weil keine Action dabey statt fin-
det, mehr Ausarbeitung und Kunst erlaubet, als der Theatralstyl. Die
Madrigale, welche, nach Art der Psalmen, mit vielen Singstim-
men, mehrentheils ohne Instrumente, arbeitsam ausgeführte Sing-
stücke sind, haben auch in der Kammer ihren Platz. Nichtweniger ge-
hören hierher die Duetten und Terzetten ohne Instrumente, und
die Solocantaten.

28. §.

  Wenn man eine Instrumentalmusik recht beurtheilen will;
muß man nicht nur von den Eigenschaften eines jeden Stücks, welches
dabey vorkömmt, sondern auch von den Instrumenten selbst, wie schon
oben gesaget worden, eine genaue Kenntniß haben. Es kann ein Stück,
an und für sich, sowohl dem guten Geschmacke, als den Regeln der Com-
position gemäß, und also gut gesetzet seyn; dem Instrumente aber zuwi-
der laufen. Im Gegentheile kann ein Stück dem Instrumente zwar ge-
mäß,

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