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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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und eine Musik zu beurtheilen sey.

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  viele Passagien, durch die Transposition von einem Tone zum andern,
auf- oder unterwärts, von der Tiefe bis in die äußerste Höhe, mit eben
denselben Fingern, ohne Schwierigkeit spielen; wenn man nur die Hand
dabey versetzet, s. z. E. Tab. XXIII. Fig. 12: auf der Flöte hingegen
muß man bey einer jeden Transposition andere Finger nehmen. In
manchen Tonarten gehen sie gar nicht an. Wenn ein Violinist nur einen
einzigen guten Finger zum Triller hat; so kann er, durch Versetzung der
Hand, bey dem Triller die übrigen Finger vermeiden: ein Flötenist kann
keinen Finger vermeiden, sondern muß mit allen Fingern den Triller
egal zu schlagen fähig seyn. Auf der Violine kann man den Ton, wenn
man auch in langer Zeit nicht gespielt hätte, doch immer heraus brin-
gen: auf der Flöte hingegen darf man, wegen des Ansatzes, nicht etliche
Tage aussetzen, wenn der Ton nicht darunter leiden soll: zu geschweigen,
daß eine widrige Witterung, Kälte oder Hitze, auch gewisse Speisen
und Getränke, die Lippen leicht außer Stand setzen; so daß man wenig
oder gar nichts spielen kann. Der Bogenstrich auf der Violine, und
der Zungenstoß auf der Flöte, thun einerley Wirkung: der erstere aber
ist leichter zu erlangen als der letztere. Der Violinist findet bey der
Verschiedenheit der chromatischen Tonarten, sie mögen mit Kreuzen oder
b geschrieben werden, wenn auch deren gleich viele vorkommen, wenig
Schwierigkeit; der Flötenist aber desto mehr. Wenn der Violinist ein
gutes musikalisches Gehör hat, und die Verhältnisse der Töne versteht;
so kann er sein Instrument, ohne sonderliche Mühe, rein spielen. Wenn
aber gleich der Flötenist dasselbe Gehör auch besitzet; so bleiben ihm doch,
in Ansehung des Reinspielens, noch große Schwierigkeiten übrig. Pas-
sagien in der äußersten Höhe zu spielen, ist auf der Violine was allge-
meines: auf der Flöte aber, sowohl wegen der Finger, als wegen des
Ansatzes, eine besondere Seltenheit. Doch giebt es im Gegentheile auch
wieder einige Gänge, die auf der Violine fast nicht heraus zu bringen,
auf der Flöte aber leicht sind; z. E. gebrochene Accorde, in welchen
Sprünge in die falsche Quinte und in die übermäßige Quarte vorkommen;
Sprünge welche die Decime übersteigen, und in der Geschwindigkeit öfters
wiederholet werden, u. d. m. s. Tab. XXIII. Fig. 13. und 14. Sollte
nun ein Violinist einen Flötenisten, oder dieser jenen beurtheilen; und
beyde verstünden nur die Eigenschaften von ihrem eigenen Instrumente:
so würden sie, wenn sie auch gleich beyde einen hohen Grad der musika-
lischen Wissenschaft erlanget hätten, zwar von dem Geschmacke und der
Ein-

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