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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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Das XVIII. Hauptstück. Wie ein Musikus

35. §.

  Das Adagio muß sich überhaupt, im musikalischen Reimgebäude,
in der Tactart, und in der Tonart, vom ersten Allegro unterscheiden.
Geht das Allegro aus einer der größern Tonarten, z. E. aus dem C dur:
so kann das Adagio, nach Belieben, aus dem C moll, E moll, A moll, F-
dur, G dur, oder auch G moll gesetzet werden. Geht aber das erste
Allegro aus einer der kleinern Tonarten, z. E. aus dem C moll: so
kann das Adagio entweder aus dem Es dur, oder F moll, oder G moll,
oder As dur gesetzet werden. Diese Folgen der Tonarten auf einander
sind die natürlichsten. Das Gehör wird dadurch niemals beleidiget;
und dieser Verhalt gilt bey allen Tonarten, sie mögen Namen haben sie
wollen. Wer aber den Zuhörer auf eine empfindliche und unangenehme
Art überraschen will: dem steht es frey, außer diesen Tonarten, solche
zu wählen, die ihm nur allein Vergnügen machen können. Zum wenig-
sten wird große Behutsamkeit dabey erfodert.

36. §.

  Um die Leidenschaften zu erregen, und wieder zu stillen, giebt das
Adagio mehr Gelegenheit an die Hand, als das Allegro. In vorigen
Zeiten wurde das Adagio mehrentheils sehr trocken und platt, und mehr
harmonisch als melodisch gesetzet. Die Componisten überließen den Aus-
führern das, was von ihnen erfodert wurde, nämlich die Melodie singbar
zu machen: welches aber, ohne vielen Zusatz von Manieren, nicht wohl
angieng. Es war also damals viel leichter ein Adagio zu setzen, als zu
spielen. Wie nun leicht zu erachten ist, daß ein solches Adagio nicht
allemal das Glück gehabt hat, in geschikte Hände zu fallen; und daß die
Ausführung selten so gelungen ist, als es der Verfasser hätte wünschen
mögen: so ist aus solchem Uebel das Gute geflossen, daß man seit eini-
gen Zeiten angefangen hat, das Adagio mehr singend zu setzen. Hier-
durch erlanget der Componist mehr Ehre: und der Ausführer brauchet
weniger Kopfbrechens: das Adagio selbst aber kann nicht auf so vielerley
Art, wie ehedem oft geschah, verstellet oder verstümmelt werden.

37. §.

  Weil aber das Adagio, unter den der Musik nicht kundigen Zuhö-
rern, gemeiniglich nicht so viele Liebhaber findet, als das Allegro: so muß
der Componist solches, auch denen in der Musik nicht erfahrenen Zuhörern,
auf alle mögliche Weise gefällig zu machen suchen. Er hat vornehmlich fol-
gende Regeln dabey wohl zu beobachten. Er muß sich 1) sowohl in den
Ritor-

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