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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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Das XVIII. Hauptstück. Wie ein Musikus

  heute ein Stück gefällt, welches wir morgen, wenn wir uns in einer an-
dern Fassung des Gemüthes befinden, kaum ausstehen können: und im
Gegentheile kann uns heute ein Stück zuwider seyn, woran wir morgen
viele Schönheiten entdecken. Es kann ein Stück gut gesetzet seyn, und
gut ausgeführet werden, es gefällt dessen ungeachtet nicht einem jeden.
Ein schlechtes Stück mit einer mittelmäßigen Ausführung kann vielen
misfallen; doch kann es auch wieder noch einige Liebhaber finden. Der
Ort wo eine Musik aufgeführet wird, kann der richtigen Beurtheilung
sehr viele Hindernisse in den Weg legen. Man höret z. E. eine und eben
dieselbe Musik heute in der Nähe, und morgen vom Weiten. Beydema-
le wird man einen Unterschied dabey bemerken. Wir können ein Stück,
das für einen weitläuftigen Ort, und für ein zahlreiches Orchester be-
stimmet ist, am gehörigen Orte aufführen hören. Es wird uns unge-
mein gefallen. Hören wir aber dasselbe Stück ein andermal in einem
Zimmer, mit einer schwachen Begleitung von Instrumenten, vielleicht
auch von andern Personen ausführen: es wird die Hälfte seiner Schön-
heit verlohren haben. Ein Stück das uns in der Kammer fast bezaubert
hatte; kann uns hingegen, wenn man es auf dem Theater hören sollte,
kaum mehr kenntlich seyn. Wollte man ein im französischen Geschmacke
gesetzetes langsames Stück, so wie ein italiänisches Adagio, mit vielen
willkührlichen Manieren auszieren; wollte man hingegen ein italiänisches
Adagio fein erbar und trocken, mit schönen lieblichen Trillern, im fran-
zösischen Geschmacke, ausführen: so würde das erstere ganz unkenntbar
werden; das letztere hingegen würde sehr platt und mager klingen; und
beyde würden folglich weder den Franzosen noch den Italiänern gefallen.
Es muß also ein jedes Stück in seiner gehörigen Art gespielet werden: und
wenn dieses nicht geschieht; so findet auch keine Beurtheilung statt. Gesetzt
auch, daß ein jedes Stück in diesen beyden Arten, nach dem ihm eigenen Ge-
schmacke gespielet würde: so kann doch das französische von keinem Italiäner,
und das italiänische von keinem Franzosen beurtheilet werden; weil sie beyde
von Vorurtheilen für ihr Land, und für ihre Nationalmusik, eingenommen sind.

9. §.

  Ich glaube, daß mir nun ein jeder einräumen wird, daß zu richti-
ger und billiger Beurtheilung eines musikalischen Stücks, nicht wenig Ein-
sicht, sondern fast der höchste Grad der musikalischen Wissenschaft erfodert
werde; daß weit mehr dazu gehöre, als nur selbst etwas singen oder spielen
zu können; daß man folglich, wenn man beurtheilen will, sorgfältig um
die

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