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Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen

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Das XVIII. Hauptstück. Wie ein Musikus

  welcher von denen, die da singen oder spielen, der stärkste sey: gleich als ob
es möglich wäre, die Wissenschaft verschiedener Personen auf einmal zu
übersehen, und abzumessen; wie etwan gewisse Dinge, die nur ihren Werth
und Vorzug auf der Wagschaale erhalten. Dem nun, der auf solche
Art für den stärksten ausgegeben wird, höret man allein zu. Ein, öfters
mit Fleiß, von ihm nachläßig genug ausgeführtes, noch darzu nicht selten
sehr schlechtes Stück, wird als ein Wunderwerk ausposaunet: da hinge-
gen ein anderer, bey seinem möglichsten Fleiße, mit welchem er ein aus-
erlesenes Stück auszuführen sich bemühet, kaum einiger Augenblicke von
Aufmerksamkeit gewürdiget wird.

4. §.

  Man gönnet selten einen Musikus die gehörige Zeit, seine Stärke
oder Schwäche zu zeigen. Man bedenket auch nicht, daß ein Musikus
nicht jederzeit im Stande ist, das was er versteht hören zu lassen: und
daß öfters der geringste Umstand ihn leicht aus aller seiner Gelassenheit
setzen kann: daß es folglich die Billigkeit erfodert, ihn mehr als einmal
zu hören, bevor man sein Urtheil über ihn fällen will. Mancher Mu-
sikus ist verwegen; und hat vielleicht ein Paar Stücke, worinn er seine
ganze Fähigkeit zeigen kann, und so zu sagen seine ganze Wissenschaft auf
einmal ausschüttet: daß man ihn also ein für allemal gehöret hat. Ein
anderer hingegen, der nicht so verwegen ist, und dessen Wissenschaft sich
auch nicht, wie bey jenem, in ein Paar Stücke einschränken laßt, hat
nicht denselben Vortheil. Denn die meisten Zuhörer übereilen sich leicht
in der Beurtheilung, und lassen sich durch das, was sie zum erstenmale
hören, gar zu sehr einnehmen. Hätten sie aber die Geduld und die Gele-
genheit einen jeden öfter zu hören: so würde es nicht allezeit einer großen
Einsicht brauchen; sondern man dürfte nur ohne Vorurtheil auf sein eige-
nes Gefühl Achtung geben, und sehen, welcher in der Folge das meiste
Vergnügen machte.

5. §.

  In Ansehung der Composition geht es nicht besser. Man will nicht
gern für unwissend angesehen seyn; und doch fühlet man wohl, daß man
nicht allezeit recht zu entscheiden fähig seyn möchte. Deswegen pfleget
gemeiniglich die erste Frage diese zu seyn: von wem das Stück verferti-
get sey; um sich mit der Beurtheilung darnach richten zu können. Ist
nun das Stück von einem solchen, dem man schon im Voraus seinen Bey-
fall gewidmet hat; so wird es sogleich ohne Bedenken für schön erkläret.
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